Stellungnahme zum ukr. Ultranationalismus
Bereits vor dem Beginn des russischen Angriffskrieges, welcher sich nicht nur gegen die ukrainische Regierung sondern auch explizit gegen die ukrainische Kultur richtet, kam in den letzten Jahren immer wieder die Frage um die ukrainische Erinnerungskultur auf.
Anlass hierfür ist unter anderem die mittlerweile wieder zunehmende Verehrung des 1959 verstorbenen ukrainischen Politikers und Nationalisten Stepan Bandera. Insbesondere in der Westukraine genießt Bandera ein hohes Ansehen als Widerstandskämpfer gegen das sowjetische Regime und für seine Beteiligung am Aufbau der OUN ( Organisation Ukrainischer Nationalisten). In der ukrainischen Erinnerungskultur tritt er in Teilen des Landes und der ukrainischen Diaspora auch als Kämpfer gegen die Unterdrückung des ukrainischen Volkes und seiner Kultur auf, jedoch erfolgte besonders in den letzten 10 Jahren eine kritischere Betrachtung der Figur Banderas. Während man in der Westukraine durchaus noch Denkmäler zu seinen Ehren errichtet und Straßen nach ihm benennt (siehe Stepan Bandera Prospekt in Kyiv), erinnert man sich in der Ostukraine und außerhalb des Landes eher an die Ideologie die er und die OUN vertraten und in der Ukraine ganzheitlich umsetzen wollten. Diese war nachweislich von Antisemitismus, Rassismus, überbordendem Nationalismus sowie antidemokratischem Denken geprägt. Dies führte unter anderem dazu, dass wesentliche Teile der OUN, als OUN-B(-Bandera) sich unter Anleitung Banderas spätestens ab 1940 bewaffneten und noch weiter radikalisierten. Es folgten Pogrome an der jüdischen Bevölkerung der Ukraine und die Ermordung unzähliger politischer Gegner. Eines der wohl schwersten Pogrome verübte die OUN-B in Kollaboration mit der Wehrmacht 1941 in Lemberg (heute Lwiw). Hierbei „zelebrierten“ die Truppen Banderas unter seiner Anleitung die Gründung des neuen von Hitler angeblich gebilligten Staates in der Ukraine. Obwohl Bandera kurz darauf von der Wehrmacht verhaftet und als „Schutzhäftling“ im KZ Sachsenhausen interniert wurde, kollaborierten seine Truppen noch bis 1942, vermutlich unter seiner Anleitung, mit der Wehrmacht. Es folgten 1943 die Massaker in Galizien und Wolhynien durch die Folgeorganisation der OUN die UPA. Banderas´ Truppen fielen mindestens 100.000 Polen sowie unzählige jüdische Ukrainer*innen und sowjetische Kriegsgefangen zum Opfer.
Bandera kehrte 1944 in die Ukraine zurück, sollte dort vermutlich nach dem Kalkül der NS-Spitze den Vorstoß der roten Armee behindern, war jedoch nur mäßig erfolgreich und floh 2 Jahre später über Österreich nach München, wo er 1959 von einem KGB Agenten ermordet wurde. Er hatte versucht von München aus eine Außenstelle der OUN aufzubauen nachdem er sich mit den Überbleibseln jener Organisation in der Ukraine überworfen hatte. Obwohl er die Unabhängigkeit der Ukraine nicht erleben würde, wurde er insbesondere in der ukrainischen Diaspora Weltweit zum Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit. Zu seiner Beerdigung kamen ca. 2500 Exilukrainer sowie etliche Nationalisten aus der ganzen Welt.
Über die Jahre blieb Bandera ein Symbol für die unabhängige Ukraine, seine Verbrechen wurden jedoch nur zu gerne vergessen oder relativiert ( so geschehen im „Jung und Naiv“ Interview mit dem ehemaligen ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk im Jahr 2022). 2010 wurde Bandera in der Ukraine zum Nationalhelden erklärt, 2011 wurde diese Ernennung nach internationaler Empörung zurückgezogen. Dies führte unter anderem jedoch auch zu einer kritischeren Betrachtung Banderas innerhalb der Ukraine, die die ukrainische Bevölkerung bis heute spaltet. Seit dem Beginn der Präsidentschaft von Wolodymyr Selenskyj, welcher selbst jüdischen Glaubens ist, hat sich viel in der kritischen Aufarbeitung des Themas Bandera getan.
So wurde beispielsweise der ausgesprochen OUN-freundliche Historiker Wolodymyr Wjatrowytsch, der das Banderabild eher positiv geprägt hatte und bis 2019 Vorsitzender des „Instituts für Nationale Erinnerung“ war, durch den eher banderakritischen Anton Drobowytsch ersetzt. Dies stieß zwar nicht nur auf Zustimmung, ist aber ein Schritt zur kritischen Aufarbeitung des Themas. Der Krieg hat die Debatte jedoch vorerst auf Eis gelegt und Bandera gilt vielen Ukrainer*innen, Soldaten wie Zivilisten, immer noch als Vorbild und genießt teilweise eine quasireligiöse Verehrung.
Als Verein stehen wir hinter der Regierung der Ukraine und dem sichtbaren Versuch, sich kritisch mit der Thematik Bandera und OUN zu beschäftigen und diese aufzuarbeiten. Infolge dessen akzeptieren wir keine Banderahuldigung oder -symbolik auf unseren Veranstaltungen und distanzieren uns von jenen pro-ukrainischen Organisationen, welche Bandera aus unserer Sicht historisch verklären. Fazit: Wir treten ein für eine unabhängige, demokratische und rechtsstaatliche Ukraine. In dieser Vision ist kein Platz für die Vision oder das Erbe Stepan Banderas.
Für weitere Informationen verweisen wir auf die folgende Lektüre auf welcher diese Zusammenfassung und Erklärung basiert:
- Grzegorz,Rossoliński-Liebe, Stepan Bandera: The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist: Fascism, Genocide, and Cult, Stuttgart 2014 (1.Edition)
- Sander, Martin, Der Bandera-Kult: Die problematische Seite des ukrainischen Nationalismus, Deutschlandfunk Kultur, 13.04.2022
- Trubetskoy, Dennis, Wie sich unter dem neuen Präsidenten die Geschichtspolitik verändert, Jüdische Allgemeine, 13.02.2020
- Müller, Bernd, Das Tragische am Bandera-Kult ist, dass Ukrainer oft nicht wissen, wen sie eigentlich verehren, Telepolis, 14.04.2022
- Interview der Berliner Zeitung mit Grzegorz Rossoliński-Liebe, 02.07.2022

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