Der Holodomor – historisch und aktuell
Im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist in den letzten Jahren auch das Interesse an der ukrainischen Geschichte massiv gestiegen. Ein für die Entwicklung und das kollektive Gedächtnis der Ukraine besonders relevantes Ereignis stellt der sogenannte Holodomor dar. Der Begriff Holodomor (Голодомор) beschreibt konkret die große, größtenteils künstlich herbeigeführte Hungersnot der Jahre 1931/33 in der Ukraine und ist bis heute eines der weniger bekannten Verbrechen des Stalinismus. Historisch gesehen fällt der Holodomor zusammen mit der großen Hungersnot von 1931/33, welche weite Teile der Sowjetunion umfasste und insgesamt schätzungsweise 7 bis 9 Millionen Opfer in der UdssR forderte.[1] Dies wurde in der Vergangenheit und teilweise auch heute noch, wenn auch deutlich seltener, als Argument genommen, die künstliche Verstärkung des Holodomor zu leugnen.
Die Vorgeschichte und politische Hintergründe
Im modernen wissenschaftlichen Diskurs zur Thematik “Holodomor” gilt es mittlerweile als bewiesen, dass der Holodomor als gezieltes Mittel zur Unterdrückung seitens der sowjetischen Regierung in Moskau genutzt wurde. Die Ukraine war bereits im russischen Zarenreich immer wieder ein Problemgebiet gewesen, galt jedoch aufgrund ihrer Bedeutung als Kornkammer Europas als besonders wichtig. Aufgrund dessen gab es bereits im 19. Jahrhundert immer wieder Versuche der nachhaltigen „Russifizierung“, insbesondere auf sprachlicher und kultureller Ebene.[2] Dieses Problem wurde durch die Freiheitsbestrebungen verschiedener ukrainischer Regierungen im Zuge des russischen Bürgerkriegs noch zusätzlich verstärkt. Dies führte dazu, dass es sowohl von Lenin als auch später von Stalin als eines der zentralen Ziele der neuen Sowjetregierung gesehen wurde, die Ukraine um jeden Preis in der Sowjetunion zu halten, wie beispielsweise aus einem Brief Stalins vom 11.09.1932 an seinen vertrauten Lazar Kaganovich hervorgeht:
„At this point the question of Ukraine is the most important. The situation in Ukraine is very bad. If we don’t take steps now to improve the situation, we might lose Ukraine. The objective should be to transform Ukraine, in the shortest period of time, into a real fortress of the USSR.” [3]
Bekanntermaßen waren die Verbrechen der Sowjetunion, zumindest offiziell, weniger gegen ethnische Gruppen im Einzelnen gerichtet, sondern viel mehr gegen bestimmte gesellschaftliche Klassen, die sich angeblich gegen die angestrebte Proletarisierung der Gesellschaft wehrten. Um radikale Maßnahmen in der Ukraine propagandistisch rechtfertigen zu können, ohne das Bild zu vermitteln, es gebe in der Ukraine eine breite Masse der Bevölkerung, die nicht Teil der Sowjetunion werden wollte, brauchte man also eine gesellschaftliche Gruppe, die man als Konterrevolutionäre darstellen konnte. Die Wahl fiel hierbei auf die soziale Gruppe der Kulaken. Als Kulaken wurden bereits im Zarenreich wohlhabende Großbauern bezeichnet, die oftmals über größere Landgebiete verfügten und zur ländlichen Oberschicht der Ukraine gehörten. Propagandistisch gesehen wurden diese als perfekte Feinde des Proletariats angesehen.[4] Nicht nur der Status als ländliche Oberschicht, sondern auch die Weigerung gegen die Maßnahmen der Kollektivierung, also der großflächigen Beschlagnahmung von Farmland und Viehbeständen seitens der Sowjetmacht, machte diese zu einem Problem für die Regierung in Moskau und zum „perfekten“ Feindbild der Sowjets in der Ukraine. Mit der Zeit wurde jedoch sehr schnell jeder Bauer, der nicht an der Kollektivierung von Farmland und Lebensmitteln teilnahm, noch privates Land bebaute oder sich auch nur kritisch über die Sowjetregierung äußerte, zum Kulaken erklärt. Die Maßnahmen der sogenannten „Entkulakisierung“[5] zu der Stalin 1929 aufrief, und der Kollektivierung von Ackerland begannen bereits in den 1920er Jahren und stellten letztlich die politische und ideologische Basis für den späteren Holodomor dar. In jener Zeit wurden schätzungsweise 250.0000 Menschen in unwirtlichere Gebiete deportiert und etwa 530.000 starben an Krankheiten oder wurden im Rahmen der Deportation ermordet.[6]
Der Hunger als Waffe gegen das Volk
Als Mittel zur Repression ukrainischer Unabhängigkeitsbestrebungen, Identität und um die Vernichtung von erwirtschafteten Lebensmitteln vor der Kollektivierung entgegenzuwirken, setzte Stalin auf ein Mittel, das bereits vergangene und kontemporäre Imperien zur Unterdrückung unliebsamer Bevölkerungsgruppen eingesetzt hatten: Hunger. So setzten auch Großbritannien in Indien oder die US-Regierung im Kampf gegen die indigene Bevölkerung der Great Plains dieses Mittel zur Unterdrückung ein.[7] Die große Hungersnot der Jahre 1931-33 bot die Gelegenheit, um die immer größer werdenden Lebensmittelforderungen der Regierung zu rechtfertigen, zur Not mit Gewalt durchzusetzen und hierbei den Widerstand in der ukrainischen Bevölkerung zu brechen. Man könnte an dieser Stelle zur Annahme kommen, dass sich der Holodomor lediglich in die allgemeine Grausamkeit des Stalinismus der 1930er Jahre einreiht und keine besondere Beachtung verdient. Stalins vermeintlicher Versuch, die Hungersnot allerorts unter Kontrolle zu bekommen, wurde in der Vergangenheit immer wieder als Gegenargument genommen, um den Begriff des Holodomor und den Vorwurf des Versuchs des gezielten massenhaften Tötens der ukrainischen Bevölkerung zu untergraben. Stalins Maßnahmen im Rahmen der Kollektivierung ukrainischen Ackerlandes weisen jedoch massiv auf eine geplante Verstärkung der Hungersnot in dieser Region hin. Beispielsweise wurden ab 1932 „interne Reisepässe“ in der Ukraine eingeführt. Ländliche Regionen, deren Bevölkerung zu weiten Teilen als Kulaken oder Konterrevolutionäre identifiziert wurden, wurde das Recht abgesprochen, ihre Heimatregionen zu verlassen, selbst wenn alles andere den Hungertod bedeutete. Dies führte dazu, dass sich in manchen Regionen die Hungertoten an den Eisenbahnstationen stapelten, da ihnen das Recht zur Ausreise abgesprochen wurde und sie keine Energie mehr fanden, in ihr Heimatdorf zurückzukehren.[8] Ebenso kann die unterlassene Hilfeleistung seitens der Regierung in den besonders von der Hungersnot betroffenen Regionen, sowie das Ablehnen fremder Hilfe,[9] letztlich schwerlich anders gedeutet werden. Dafür, dass die Regierung hätte helfen können, spricht zum einen, dass die staatlichen Kornspeicher vielerorts reichlich gefüllt waren und dass mancherorts das Getreide einfach zum Verrotten gelagert und hierbei bewacht wurde.[10] Am Ende des Jahres 1933 waren der Hungersnot und der Gewalt im Zuge der Kollektivierung in der Ukraine schätzungsweise 4,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen.[11] Die drakonischen Maßnahmen, welche die Regierung zur Unterdrückung der ukrainischen Bevölkerung einsetzte waren ideologisch jedoch nicht nur im Totalitarismus des Stalinismus, sondern wurden auch mit den Überlegungen Lenins zum sogenannten Internationalismus begründet. Lenin sah es als absolut notwendig an, dass die Menschen ihre nationalen und kulturellen Unterschiede verlieren müssten damit diese zusammen wachsen könnten zu einer Menschheit ohne Unterschiede in Kultur oder Klasse. Um dieses Ziel zu erreichen waren, so war man in Moskau der Auffassung, alle Mittel legitim, auch Gewalt und Deportation.[12] Insofern waren die Vebrechen der Soviets nicht nur im Stalinismus sondern bereits im Leninismus begründet gewesen.
Die Holodomor-Debatte in der Gegenwart
Seit 1991, dem Jahr in welchem die Ukraine unabhängig wurde, bemüht sich die Ukraine um die Anerkennung des Holodomor als Genozid. Dies löste besonders in den letzten Jahren teils heftige Debatten über den Genozidbegriff aus. Laut geltendem Völkerrecht erfüllt der Holodomor nicht den Tatbestand des gezielten Mordes an einer bestimmten Ethnie. Die UN stellt zwar mittlerweile die gezielte Absicht des Massenmordes durch Stalin nicht mehr in Frage und hat dies 2008 auch ratifiziert, sowie den Holodomor zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt. Nach geltender UN-Definition liegt jedoch kein Völkermord vor, sondern eher ein „Klassenmord“. Die Vernichtung gesellschaftlicher Klassen fällt derzeit nicht in die Völkermord-Definition der UN, insofern wird auch der Holodomor nicht als Völkermord gewertet. Manche Kritiker dieses Urteils vermuten, dass man die russische Föderation nicht verärgern wolle, welche bis heute den genozidalen Charakter des Holodomor mit den oben genannten Argumenten bestreitet.[13] Vor dem Hintergrund des steigenden Interesses an ukrainischer Geschichte und der Aufarbeitung der Sowjetherrschaft, erkannten in den letzten Jahren immer mehr Länder den Holodomor als Völkermord an, so auch Deutschland am 30.11.2022 (Bundestag will Holodomor als Völkermord anerkennen). Ebenso taten dies in der Vergangenheit die Parlamente von Kanada, Mexiko, Estland, Lettland, Polen sowie zuletzt die Schweiz (2024) und 12 weiterer Nationen. Auf Supranationaler Ebene haben sich sowohl das europäische Parlament (2022) als auch der Europarat (2023) der Auffassung angeschlossen, es handle sich um einen Genozid. Als Grund hierfür nennen diese den gezielten Einsatz des Hungers als Waffe gegen das ukrainische Volk, somit sei gezielt versucht worden ein Volk mit einer bestimmten nationalen Identität bzw. Dessen Identität zu vernichten was den Tatbestand des Völkermords erfüllen würde.[14]
Als Verein glauben wir, dass ein Verständnis für die russisch-ukrainische Geschichte wichtig ist, um die Rechtmäßigkeit und Wichtigkeit des Ukrainischen Kampfes für Unabhängigkeit nachvollziehen zu können. Der Holodomor stellt dabei eines der dunkelsten Kapitel in dieser Geschichte dar. Russland begeht nicht erst seit Beginn der Großinvasion 2022 schwerste Verbrechen in der Ukraine, sondern tut dies schon seit Hunderten von Jahren. Wir alle können und müssen unseren Beitrag leisten, um diesem Streben Einhalt zu gebieten.
[1] Wolowyna, What Do We Know About the Holodomor: New Research Results 2016 Toronto).
[2] Ilie, “Holodomor, the Ukrainian Holocaust?” in Studia Politica: Romanian Political Science Review, 11(1), S. 137-154
[3] http://www.faminegenocide.com/kuryliw/quotations_on_the_famine.htm (zuletzt besucht am 14.11.2024)
[4] Hildheimer “Geschichte der Sowjetunion 1917–1991”, 1998, S. 290 ff.
[5] Stalin, “Zu Fragen der Agrarpolitik in der UdSSR: Rede auf der Konferenz marxistischer Agrarwissenschaftler”, 1929, Bd.12
[6] Hildermeier, “Die Sowjetunion”, 2016, S. 38
[7] Sullivan, Hickel, ”Capitalism and extreme poverty”, 2022
[8] Ilie, “Holodomor, the Ukrainian Holocaust?” in Studia Politica: Romanian Political Science Review, 11(1), S. 137-154
[9] Hausmann, Penter, “Instrumentalisiert, verdrängt, ignoriert: der Holodomor im Bewusstsein der Deutschen”,2020, 193-214
[10] Gellately, ” Lenin, Stalin and Hitler, The Age of Social Catastrophe”, 2007, S.272
[11] Applebaum, Red Famine. Stalin’s War on Ukraine. New York 2017, S.280
[12] Ilie, “Holodomor, the Ukrainian Holocaust?” in Studia Politica: Romanian Political Science Review, 11(1), S. 137-154
[13] Ilie, “Holodomor, the Ukrainian Holocaust?” in Studia Politica: Romanian Political Science Review, 11(1), S. 137-154
[14] Angenommene Texte – 90 Jahre nach dem Holodomor: Anerkennung der Massentötung durch Hunger als Völkermord – Donnerstag, 15. Dezember 2022

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